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Rauschfreie Hanfprodukte fürs Müsli
Der Eschborner Benjamin Richter vertreibt Cannabis-Artikel via Internet / Pflanzenanbau seit 1996 wieder erlaubt
Von Jürgen Dickhaus
Der 28-jährige Eschborner Benjamin Richter macht seit Neuestem in Hanf. Vom Keller seiner Wohnung aus vertreibt er die Pflanze per Internet, und das Geschäft mit dem ökologischen - und garantiert rauschfreien - Wunderprodukt läuft: Täglich kommen rund 40 Bestellungen aus dem Bundesgebiet. Geordert werden etwa Hanföle und Samen fürs Müsli.
ESCHBORN. "Da können sie einen ganzen Hektar von rauchen, und sie merken immer noch nichts", schreibt Benjamin Richter allen Freunden des gepflegten Rauschzustandes ins Stammbuch. Was er unter der Adresse "www.powercorn.de" vertreibt, enthält die Cannabis-Droge THC ("Tetrahydrocannabinol") allenfalls in kaum nachweisbaren Mengen. Laut einer europäischen Verordnung dürften die zugelassenen Hanfsorten nämlich maximal 0,3 Prozent THC enthalten. "Der Industriehanf wird auf Länge statt auf Blütenbildung gezüchtet. Die Blüten - in denen das THC vor allem vorkommt - werden sie in diesen Produkten allenfalls in Spurenelementen vorfinden", so Richter.
Seit 1996 ist der Anbau von Hanf in Deutschland wieder erlaubt, nachdem er 1982 untersagt worden war. Der Betriebswirtschaftler Richter kam 1994 auf den Geschmack: Damals arbeitete er als studentische Aushilfe in der Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit in Eschborn. Es ging um Projekte über nachwachsende Rohstoffe in Afrika, und nach kurzer Zeit war Richter begeistert vom Potential der schon um 2800 vor Christus beliebten Pflanze. Wurde der Hanf ("Cannabis") damals vor allem zur Herstellung von Kleidern und Seilen sowie anderen Alltagsdingen verwendet - Christoph Columbus verwendete Segel aus Hanf, die Mona Lisa ist auf ihr gemalt - , so scheinen die heutigen industriellen Möglichkeiten fast unerschöpflich. Hanf sei eine der ältesten Heilpflanzen der Menschheit: in der Anwendung gegen Krämpfe, Übelkeit und Stress eine hochwirksame Medizin und gleichzeitig eine der ungiftigsten Pflanzen, die die Pharmakologie kenne, so Trendsetter Richter. Sie sei auch die einzige Ölpflanze, deren Frucht, die Hanfnüsschen, alle ungesättigten Fettsäuren enthalte.
Weil diese sich jedoch nur vergleichsweise kurze Zeit lang hielten, verzichteten industrielle Nahrungsmittelhersteller gerne auf sie. Richter interessiert vor allem die medizinische Seite des Hanfs. Die Pflanzenfaser, die als Dämmrohstoff etwa in der Automobil-Industrie Verwendung findet, kann bei Richter noch nicht bestellt werden. "Da gibt es zurzeit einen technologischen Umbruch in der Produktion, und die Ergebnisse warte ich lieber noch ab."
Ansonsten aber hat er sich energisch in das Abenteuer Hanf gestürzt. Als Richter auf einem Seminar einen Großhändler aus Stuttgart kennen lernte, packte er die Gelegenheit beim Schopf und baute für ihn den Internet-Vertrieb auf. Als selbständiger Ein-Mann-Unternehmer bearbeitet er alle via Internet eingehenden Bestellungen. Das bedeutet im Moment einen Zwölf-Stunden-Tag, Reichtümer hingegen seien nicht zu verdienen. "Im Gegenteil, mein Geld reicht noch genau für drei Monate." Auch das Grundkapital für die Firma kam aus seiner eigenen Tasche: Keine der von ihm angesteuerten Banken habe sich begeistert von der Geschäftsidee gezeigt. "Da waren offensichtlich einige Ressentiments gegenüber Hanf im Spiel. Seit kurzem müssen Internet-Jungunternehmer außerdem schwer um jeden Kredit kämpfen", sagt Richter.
Optimistisch ist er dennoch. Sollte nur ein Autohersteller in größerem Stil auf Hanfrohstoffe umrüsten, so bedeute dies eine Verzehnfachung der Anbaufläche in Deutschland; diese betrage zurzeit 4000 Hektar. Hanf wachse schnell, brauche keine Pestizide und Herbizide und kaum Düngemittel - ein wahrer Segen für Landwirte. "Und wenn Produkte aus Hanf nicht mehr benötigt werden, lassen sie sich rückstandsfrei verbrennen", schwärmt Richter. Zumindest den Rauch als Endzustand haben sie dann also mit dem Genussmittel gemein.
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Copyright © Frankfurter Rundschau 2000
Dokument erstellt am 06.10.2000 um 21:12:36 Uhr
Erscheinungsdatum 07.10.2000
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